![]() „Das allgemeine Merkmal der
Stimmungen ist das Wie ihres Gegebenseins in der Selbstaffektion ohne ein Was
in der distinkten Anschauung zu haben.“ (Existenzieller Hedonismus (2009, 241) ![]() ![]()
Dieses neunseitige Haus sehen
wir nur zu einem Teil. Dass es sich aber um ein Häuschen (um einen Gegenstand mit Rückseite) handelt,
ist deswegen keineswegs umstritten.
![]() Das Haus
lässt sich auch
anhand eines Details erkennen. Der Erbauer dieses Häuschens hat
offenkundig ein "Park and Ride" - Schild zum Hausbau verwendet. Diese
Besonderheit reicht aus, um das Haus als eben dieses Haus nur anhand
des kleinen Ausschnittes "setzen" zu können (der ganze Gegenstand
ist vollständig in einer Mangelanschauung des Gegenstandes
"enthalten".).
![]() „Zunächst gilt, dass die Wirklichkeit der Wahrnehmung sich durch ihre Transzendenz erweist. Aber eine wahre Wahrnehmung ist damit noch nicht Wahrnehmung für mich: die wie auch immer geartete Transzendenz muss mit einer Immanenzwerdung einhergehen, mit ihrer Gegen-Verwirklichung, denn die Präsenz des Wahrgenommenen muss zugleich die Anwesenheit von mir als Wahrnehmender sein. Im Sehen eines materiellen Objektes ist dessen Realität gegeben, aber das Sehen selbst ist nicht bereits die Realität dieser Wirk-lichkeit des Dings für mich als Wahrnehmenden. Das heißt, der Objektpol der Wahrnehmung alleine bedeutet nicht, das Objekt wahrzunehmen. Das Sehen ist nur die Art der Wahrnehmung, und die Wahrnehmung selbst kann sich nur durch die Gegen-verwirklichung einstellen, die in der Präsenz der wahrgenommen Realität für mich besteht. Die Transzendenz des Dings als Wirklichkeit ist ohne die Immanenz als Gegenwirklichkeit (Anwesenheit durch Affektion) für den Wahrnehmenden nicht gegeben, lautet somit die Grundthese." (Existenzieller Hedonismus (2009, 24) |
Stimmung, Atmosphäre, Aura Jeder Mensch ist von Gegenständen, Ideen und Personen durchdrungen, ohne diese konkret zu sehen, zu denken oder als Ding in der Hand zu halten. Diese abwesende Gegenwärtigkeit zeigt sich in der Präsenz etwa des eigenen Sohnes oder des eigenen Hauses, ohne dass man deren Präsenz an Begriffen oder Anschauungen festmachen könnte. Nun ist man nicht bloß manchmal von solchem abwesend Gegenwärtigen durchdrungen, sondern stets und ohne Unterlass. Da aber die Leere als Fülle, also die Atmosphäre, Aura und Stimmung an nichts Sichtbarem festzumachen ist, neigt man dazu, ihr keine Wirklichkeit zuzuschreiben. Das permanente Durchdrungensein von einem Gegenstand, der scheinbar unabhängig von mir als Mensch existiert, lässt sich anhand des Hauses, in dem man seit längerer Zeit wohnt, verdeutlichen. Das eigenen Haus (Wohnung, Zelt etc.) bildet mit fortschreitender Wohndauer eine hintergründige Präsenz, die nicht mehr darauf angewiesen ist, das Haus auch tatsächlich zu sehen, zu riechen oder in seiner Geräuschkulisse wahrzunehmen. Das zeigt sich daran, das es in einem auch dann präsent ist, wenn man von ihm weit entfernt ist. Es ist diese Präsenz ohne Medium, die den Gefangenen verfolgt, der jahrein und jahraus im selben Gefängnis eingesessen hat, aber schon längst wieder auf freiem Fuß ist. Seine Zelle, der Hof für die Rundgänge etc. werden ihm als Stimmung treu bleiben, auch dann, wenn er bereits sehr weit vom Gefängnis entfernt ist. Er nimmt etwas mit, was kein Gewicht, keine Begrifflichkeit und keine Anschauung aufweist und daher scheinbar gar nicht existiert. Aber es da und lässt sich für eine lange Zeit nicht abschütteln. Auch für den normalen Menschen gilt Ähnliches. Das eigene Haus ist zwar kein Gefängnis, aber es bildet eine vergleichbare abwesende Gegenwärtigkeit, eine dauernde Stimmung, die mit Verlassen des Hauses nicht im Haus gelassen werden kann. Das zeigt sich daran, dass ein Hausbewohner ein stetes Wissen um die Entfernung von seinem Haus hat, wenn er nicht zu Hause ist. Ohne eine Kilometerangabe zu denken oder auf einer Landkarte die Entfernung nachzuvollziehen, weiß er um die Entfernung. Dabei handelt es sich oft nicht nur um ein Wissen in dem Durchstimmtsein vom eigenen Haus, sondern auch um eine Aufforderung, zu diesem zurückzukehren. Man weiß nicht, warum zurückkommen möchte, aber man spürt, dass man zurückkehren muss, was auch immer einen zu Hause erwartet. Dort wartet eigentlich nichts, so dass man merkt, einer Aufforderung Folge geleistet zu haben, die einem Eigenleben des Hauses entspringt. Im eigentlichen sollte das Haus für den Bewohner da sein, aber nicht umgekehrt. Dass das Verhältnis von Besitzer und Besitz durch die Stimmung umgekehrt werden kann, zeigt auch der Zwang, im Haus selbst eine bestimmte Ordnung der Dinge einzuhalten. Ordnung meint dabei nicht notwendig ordentlich, sondern nur, dass alles an seinem Platz ist, wo dieser Platz auch immer sei. Das Abweichungsbewusstsein von der Idealordnung entspringt aber nun nicht einem reflexiven Gedanken, sondern wiederum der Hausstimmung. Was nicht in Ordnung ist, was bewegt werden muss, damit die Dinge wieder an ihrem Platz sind, zeigt die Stimmung an. Ohne die Aura eines Hause ließe sich diese Ordnung nicht einhalten. Was damit nicht erklärt wird, ist die Struktur dieses merkwürdigen abwesend Gegenwärtigen. Die Stimmung des Hauses ist nicht begrifflicher Natur und besteht nicht in einer Anschauung. Worin besteht sie dann? Einer Antwort lässt sich näher kommen, wenn man den Übergang vom unmittelbar wahrgenommenen Haus zur Hausstimmung praktisch nachvollzieht. Sehe ich also mein Haus, dann scheint es evident gegeben zu sein. Es präsentiert sich als das, was es ist. Tatsächlich aber ist der angeschaute Gegenstand „Haus“ nicht in der konkreten Wahrnehmung enthalten. Es ist klar, warum das so ist: ein Haus von der Form eines Quaders hat sechs Seiten. Die jeweils aktuelle Wahrnehmung zeigt aber nur maximal drei davon, egal wie optimal man auch hinschaut. Nüchtern betrachtet findet sich also im wahrgenommen Gegenstand „Haus“ mehr als in der Wahrnehmung selbst. Der Mangel der Wahrnehmung besteht nun aber nicht im Mangel am Erkennen, denn wenn man will, kann man sich ja die Rückseite des Hauses anschauen. Er wirft vielmehr die prinzipielle Frage nach der Weise der Präsenz des wahrgenommenen Gegenstandes für mich als Wahrnehmenden auf. Der Gegenstand ist da – soviel ist klar – ich sehe aber nur einen kleinen Teil von ihm. Es stellt sich also die Frage, wie dieser Gegenstand gegeben ist, wenn nicht in der aktuellen Anschauung. Lässt man das Philosophische dieser Frage beiseite und konzentriert sich auf das Praktische, dann müsste es sich zeigen lassen, das selbst ohne jede Anschauung ein Haus Präsenz zu bilden vermag. Denn Erkennen und Präsentsein eines äußeren Gegenstandes sind nicht zwangsläufig aneinander gekoppelt. Ist der Ausgangspunkt die maximale Anschauung des Quaderhauses mit sechs Seiten in drei angeschauten Seiten gegeben, so wäre der Gegenstand „Haus“ auch in der Anschauung von nur zwei Seiten für mich als Wahrnehmenden präsent. Dann würde man weniger von dem Haus erkennen, aber die Präsenz des Hauses für den Wahrnehmenden würde nicht notwendig ebenso abnehmen. Kenne ich das Haus gut, weil ich schon seit Jahren darin wohne, so wäre auch die Anschauung von nur einer Seite ausreichend, damit die Präsenz des Hauses aufrechterhalten bliebe. Selbst bei sehr verminderten Sichtverhältnisse, etwa bei starkem Nebel, könnte ich das Haus in seiner Präsenz erleben, auch wenn ich dann nur einen verschwommenen Fleck sähe. Selbst ohne jede Anschauung kann ich die Präsenz des Hauses in mir bilden. Präsenz und Erkennen hängen also nicht unmittelbar miteinander zusammen. Die Evidenz des Erkennens ist nicht die Evidenz der Präsenz des Erkannten, lässt es sich zusammenfassen. Handfest gegebene Gegenstände wie ein Haus können sich also in einer „Leere“ erhalten, die das Objekt in sich aufnimmt. Das widerspricht der Idee, dass man nur seine Augen schließen müsste, damit man auch die Welt aus sich ausgeschlossen hat. Das Schweigen in der Meditation als das Nicht-mehr-Hören und Nicht-mehr-Sehen, also als das Sich-Abschließen von der Welt der Anschauungen wie jener der Begriffe, wird so nie zur gewünschten Leere als Fülle führen. Der Grund ist darin zu finden, dass man als Mensch immer schon von Personen, Gegenständen, Konstellationen und Ideen durchdrungen ist. So wie man der Stimmung des Hauses nie entkommt, so weit man auch vom Haus selbst entfernt sein mag, so ist auch die Stimmung des Unvergangenen ein ständiger Begleiter im Alltag, die sich nicht abschütteln lässt. Was ist eine „Stimmung des Unvergangenen“? Sitzt man in einem Vortrag, in einer Konferenz, fährt man einige Stunden mit der Bahn, so ist das Erlebte nicht mit dem Aussteigen aus dem Zug vorbei. Von der Bahnfahrt wie vom Vortrag bleibt etwas, was als lastender und brütender Hintergrund stört. Diese Störung besteht in der Stimmung des Unvergangenen selbst, dann aber auch in der Behinderung eines neuen Werdens. Was nicht vollständig vergangen ist, sondern sich als undefinierbarer Schwund erhalten hat, blockiert das Werden neuer Erlebnisse. Man kann also mit nichts Neuem wirklich frisch anfangen. Selbst wenn man morgens aufwacht, ist man von einem solchen Hintergrund des Unvergangenen nicht frei. Man schleppt stets etwas mit sich, was nicht mehr aktuell ist, aber eben auch nicht vollständig vergangen, dafür jedoch das Werden neuer Erlebnisse behindert. Im Alltag versuchen wir diese Dynamik des Werdens und Vergehens zu steuern: ein schöner Augenblick soll andauern und die Langeweile soll durch einen Vorgriff auf das sich Ankündigende vertrieben werden. Mit einem Wort: der Ablauf der Zeit wird stets gedehnt bzw. gestaucht. Das Gegenwärtige soll andauern, schneller vergehen oder das gerade Erlebte soll wieder aktualisiert werden. Das praktische Problem mit dieser Stimmung besteht also darin, dass sich nach einem in die Länge gezogenen Frühstück ein störender Hintergrund des Erlebten gebildet hat, von dem man sich befreien will. Konkreter ausgedrückt, geht es darum, das Noch-nicht-Vergangene des Frühstücks zu „entwirklichen“, um etwas Neues zu verwirklichen. Diese Fähigkeiten des Verwirklichens und Entwirklichens sind in jedem Musikerleben konkret am Werk. Man könnte keine Musik hören, würde man nicht die Gegenwart dehnen und stauchen, d.h. eben mehr als das bloß Aktuelle hören. Das Vergangene bildet zusammen mit dem gerade Aktuellen und dem vorweggenommenen Zukünftigen das, was wir letzthin hören. Würden wir nur das momentan Erklingende hören, gäbe es für uns nur einzelne Schallereignisse, die mit Musik nichts zu tun hätten. Zusammenfassung
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Dasselbe Haus von einer
Perspektive aus gesehen, die das sichtbar macht, was im ersten Bild
nicht gesehen wird. Obwohl die Anschauungen in den beiden Fällen
nichts miteinander gemein haben, ist die Setzung der Identität des
Hauses damit nicht gefährdet. Der Erhalt des Gegenstandes Haus
ist trotz vollständig disparater Anschauungen gegeben.
![]() „Es geht also um zwei ontologische Bewegungen: 1. vom
reinen Phänomen zum Erweis von dessen Sein in einem Außen, das heißt in der
Überwindung der Immanenz des Phänomens, und 2. von diesem Erweis transzendenten
Seins im Phänomen zum Sich-Befinden des Phänomens. Das Für-mich-Sein der
Wahrnehmung wird als selbstverständlich angesehen, ist es aber nicht, insofern
sich eine grundlegende Frage stellt: Wie ist eine Wahrnehmung für mich als
Wahrnehmenden etwas, was ist? Nicht der Bezug der Wahrnehmung auf das Wahrgenommene
interessiert in dieser Perspektive, sondern der Bezug der Wahrnehmung auf den
Wahrnehmenden. Das Sich-Befinden einer Wahrnehmung zeigt sich dabei an der
Leere bzw. Fülle an Präsenz, die nicht nur in distinkten Wahrnehmungen gegeben
ist, sondern auch in Atmosphären, Auren und Stimmungen.“ (Existenzieller
Hedonismus (2009, 24) ![]() |