„Es gibt keinen unwirklichen
Schmerz: der Schmerz würde auch existieren, wenn die Welt nicht existierte.
Wäre es bewiesen, daß ihm jede Nützlichkeit fehlt, wir würden doch immer noch
eine für ihn finden können: nämlich, daß er irgendwie Substanz in die uns
umgebenden Fiktionen hineinprojiziert. [...] durch sein einfaches Vorhandensein
verwandelt er alles und jedes, sogar einen Begriff.“ (Cioran 1980:96)
„Die Gestaltung der Selbstmächtigkeit der Stimmen zeigte sich
paradigmatisch anhand der Bildung moralischer Urteile. Als generelle Einsicht
ergab sich dabei die etwas vereinfachende Unterscheidung zwischen intelligiblem
Urteil, (Un)lust und Pathos; drei Größen, welche in variablen Verhältnissen
zuein-ander stehen können. So kann etwa die Raison eines solchen Ur-teilens das
Noema, also das Urteil selbst, sein, oder das Urteilen (Noesis) als Erleben des
Pathos (Selbstmächtigkeit). Im ersten Fall liegt ein genuines moralisches
Urteil vor, im zweiten Fall eine paramoralische Selbsterprobung, Moralisieren
genannt.“ (Existenzieller Hedonismus (2009, 287) ![]() |
Die Durchflüsterung der Existenz Versteht man die Realität des gedachten und gesprochenen Wortes so, dann erscheint vieles, von dem was man sagt als kraftloses Gemurmel. Es hat dann gerade noch so viel Sein an sich, dass es erscheinen kann, ohne jemals mehr als dieser bloße Schein werden zu können. Gegen diese Realitätsauffassung sei gesetzt: was ich als Mensch denke und spreche, hat seine Wirklichkeit im Vorgang des Sprechens selbst. Das gesprochene Wort braucht sich nicht in das Allgemeine zu setzen, um wirklich zu werden. Konkret lässt sich dies an einem Beispiel aufzeigen: ich möchte jemandem ohne Hintergedanken helfen, aber ich werde mit den Worten „Du und deine gottverdammte Hilfsbereitschaft“ abgefertigt. Diese Beleidigung arbeitet in der Folge in mir. Ich muss darüber nachdenken und kann die Sache nicht so einfach abtun. In diesem Grübelzwang werde ich immer wieder das Unverschämte des Verhalten des Anderen denken und dessen Verhalten ablehnen. Überlegt man sich nun, welche Wirklichkeit dieses Ruminieren besitzt, so scheint es auf den ersten Blick, dass es sich um bloßes Geschwätz handelt. Den in dem Urteil „Er hätte dies nicht sagen dürfen!“ drückt sich ja ein Mangel aus, der mit einem anderen Mangel einhergeht, nämlich dem Hedonistischen sich im Aussprechen des Urteils zu erleiden. Da Leiden dem Hedonisten als Mangel an Lust gilt und durch die Wiederholung des Aussprechens des moralischen Mangels nichts in der Welt hervor gebracht wird, sondern nur dass festgestellt wird, was geschehen ist, scheint die mangelnde Wirklichkeit des Gedachten manifest. Das Gegenteil ist der Fall. Das Element der Selbstbelebung in einer moralisch angelegten Verneinung bringt ein inneres Echo mit sich, auf das man trotz Ohnmacht, den Anderen nicht verändern zu können und trotz Leidens unter dieser Ohnmacht nicht verzichten kann. Die Tiefe des Selbstgefühls im Vollzug der Verneinung („X hätte nicht geschehen dürfen“) übersteigt das Leiden, so dass man immer wieder auf seine Empörung zurückkommt. Das unbedingte Von-sich-weg-Wollen im Leiden, ohne dieses zu können, steigert das Selbstgefühl als Selbstmächtigkeit. Diese Daseinslust, sich selbst als Kraft zu erfahren, wurde bereits am Beispiel des egoistischen Leidens des kleinen Jungen mit seinem Heimweh verdeutlicht. Diese Wollust des Leidens ist aber zu weit vom menschlichen Alltag entfernt, so dass danach zu fragen ist, wo sich die Daseinslust am Leiden in unserem Leben konkret zeigt. Die Antwort findet sich im Urteilszwang des Moralisierens. Die Wirklichkeit des moralischen Urteils steckt nicht in den Wirklichkeitskriterien, die wir normalerweise als gültig ansehen, sondern zeigt sich im Vollzug des Urteils selbst. Es ist also nicht so, dass wir im Falle des Moralisierens sprechen, um etwas zum Ausdruck zu bringen, sondern wir sprechen, um uns darin zu manifestieren. Wenn ich mich über die Ungerechtigkeit, die mir zugestoßen ist, empöre, dann geht es mir um die Schaffung von Zugehörigkeit zu mir selbst, die sich mir als Selbstmächtigkeit trotz der darin auch gegebenen Ohnmächtigkeit, Opfer einer Ungerechtigkeit geworden zu sein, darin gibt. Spricht und denkt man normalerweise, um etwas zum Ausdruck zu bringen, so liegt beim Moralisieren der umgekehrte Fall vor: das Sprechen selbst als Präsenz von sich ist der „Sinn“ des Ganzen, nicht aber das, was ausgesprochen wird. Das schließt nicht die Möglichkeit aus, etwas Unrechtes als Unrechtes zum Ausdruck zu bringen. Worauf es aber hier ankommt, ist das „Umkippen“ des Sprechens in die Selbstmanifestation des Sprechenden. Ein solches Verhältnis hat dann die Voraussetzung der moralischen Verneinung im direkten Leiden darunter, um sich selbst in seinem Sein (Erleben) zu steigern. Damit lässt sich auch die zunächst abstrakt erscheinende Formel des Strebens nach Sein besser verstehen. Ich spreche etwas im Moralisieren aus, um mich darin selbst zu manifestieren. Das bedeutet eine Steigerung der Intensität meines Seins, vor allem aber eine Steigerung des Existenzgefühls als Macht in sich selbst. Bezeichnet man das Sprechen mit sich selbst der Kürze halber als „Stimme“, so wird damit auch die Fragilität der Wirklichkeit noch einmal betont. Die Stimme ist nur solange wirklich, wie sie erklingt. Diese Vergänglichkeit erklärt auch den Unwillen, die Wirklichkeit der Stimme des Moralisierens anzuerkennen. Bei aller Ernsthaftigkeit, die in moralischen Dingen angebracht ist, darf man doch nicht eine verquere Ernsthaftigkeit an den Tag legen. Diese besteht darin, darauf zu pochen, dass es doch eine unwiderlegbare Tatsache ist, dass eine bestimmte Ungerechtigkeit geschehen ist. Das mag auch so stimmen, nur dass es im Sprechen nicht immer um die Tatsachen geht, um die Wirklichkeit außerhalb von mir, sondern um die Wirklichkeit des Sich-Gegebenseins. Und diese gehorcht anderen Gesetzen. Bleibt man aber dabei, was nur jenes wirklich ist, was sich anfassen und sehen lässt oder auf das man zeigen kann, dann wird man immer wieder von einem egoistischen Leiden ergriffen – man wird durchflüstert.
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![]() „Es giebt gewisse Dichtungen in uns. Die einen ganz
anderen Karakter, als die übrigen zu haben scheinen, denn sie sind vom Gefühle
der Nothwendigkeit begleitet, und doch ist schlechterdings kein äußrer Grund zu
ihnen vorhanden. Es dünckt dem Menschen, als sey er in einem Gespräch
begriffen, und irgend ein unbekanntes, geistiges Wesen veranlasse ihn auf eine
wunderbare Weise zur Entwickelung der evidentesten Gedancken. [...] Darthun
läßt sich dieses Factum nicht. Jeder muß es selbst erfahren.“ (1965:28 ff., Nr.
21) ![]()
„Gerne leiden heißt, sich
selbst in ungehöriger Weise gern haben, heißt, nichts verlieren wollen von dem,
was man ist.“ (1980:101) |