„Viele Menschen glauben, dass es tugendhaft sei, sich des Glückes zu enthalten, weil dieses gefährlich sei. Sie wissen dabei nicht, dass man sich vielmehr noch des Unglücks enthalten muss, weil dieses erst recht gefährlich ist.“ Ernest Hello
              











































        

Simone Weil (1909-1943), Philosophin, politische Aktivistin, Mystikerin. Die Unterscheidung von Ursache und Grund von Leiden wird in den Cahiers (intellektuelles Tagebuch) und insbesondere in Attente de Dieu (dt. Titel: Das Unglück und die Gottesliebe, 1953) thematisiert.

   




























Egoismus des Leidens

Wie anhand des Moralisierens gesehen, ist das Streben nach Unlust keineswegs eine Randerscheinung, sondern Teil des Alltags vieler Menschen. Sich im Selbstgespräch zu martern, kann aber kaum als sinnvoll angesehen werden, auch wenn der Reiz dieser Qualen nicht gering ist.

Es gibt verträglichere Formen egoistischen Leidens. Ein zu suchendes Ineinander von Leid und Daseinsfreude findet sich sicher in der Musik, etwa in Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion. Der Wirkung Bachs kann sich kaum jemand entziehen, ohne jedoch sagen zu können, dass die Passion trotz des traurigen Grundtons beim Hören Freude bereitet. Man ist vielmehr von der Passion tief bewegt, weil es dieses Element der Traurigkeit gibt. Geht es im eigentlichen um die musikalische Umsetzung von Jesu Tod, so muss man davon gar nichts wissen, um sich an der Traurigkeit der Musik zu erfreuen. Denn die empfundene Traurigkeit beim Hören ist nicht die Trauer um Jesus. Sie ist Traurigkeit als solche, ohne sich auf eine bestimmte Person zu richten.

Die Schönheit der Matthäus-Passion besteht also in der Traurigkeit, die eine Empfindungstiefe beim Hörenden hervorruft, die etwa von Vivaldis Vier Jahreszeiten nicht erreicht werden könnte, da diese Musik so mitreißend ist, dass sie den Hörenden trotz der Lust am Gehörten in jene Distanz von Erlebnis zu Erlebenden zu sich bringt, die jegliche Tiefe des Erlebens ausschließt. An der Matthäus-Passion hingegen leidet man bereitwillig, weil deren Leiden mehr als bloße Unlust ist. Sie bringt den Hörenden mit sich in einen Kontakt, der nicht alltäglich ist. Kurzum: hört man die Passion, leidet man, erreicht darin eine ungewöhnliche Vitalität des Erlebens von sich, die eine Erfahrung von sich als Kraft und Macht darstellt.

Bachs Musik gilt als Kunst, so dass niemand auf die Idee kommt, dieses bereitwillige Leiden um des Krafterlebens willen zu kritisieren. Das Ineinander von Schwermut und Daseinslust gilt hier als Ausdruck der Größe der Matthäus-Passion. Das ist ganz anders, trauert man um den Tod der eigenen Mutter. Tritt hier der beschriebene Effekt ein, kann man den Mittrauernden nicht sagen, dass man zugleich trauert, wie sich aber auch an diesem Leiden in dessen Krafteindruck zu erfreuen. Ein solches Empfinden, welches keineswegs mangelnde Mutterliebe zum Ausdruck bringen muss, ist hier per Konvention unerwünscht.

Da man nicht oft Bach oder Chopin hören wird, um sich ein egoistisches Leiden zu bereiten, wie dieser Effekt im Alltag sonst noch aktiv kultiviert werden kann? Die Pointe der Matthäus-Passion ist die Ungerichtetheit der Trauer bzw. Traurigkeit. Die Passion kennt keinerlei „weil“ des Leidens. „Mir geht es schlecht, weil mich X schlecht behandelt hat“ – eine solche Festschreibung des Grundes von Leiden gibt es in der Musik nicht. In ihr gibt es überhaupt keine Ursachen des Leidens, sondern nur den Grund des Leidens. Ursache heißt soviel wie „Es gibt ein Geschehen in der Welt / in mir, welches für mein Leiden verantwortlich ist“. Der Grund des Leidens dagegen bedeutet etwas ganz anderes: unabhängig von den Ursachen muss sich das Leiden in mir manifestieren. Leiden zeichnet sich durch eine unmittelbare Präsenz aus, die aber nicht dadurch hervorgebracht wird, dass mir als Leidender jemand auf den Fuß tritt, ohne sich zu entschuldigen. Die Ursache des Leidens vermag die Präsenz des Leidens nicht hervorzubringen.

Der Ausdruck „Präsenz des Leidens“ heißt nichts anderes, als dass sich hier ein Gefühl manifestiert, welches sich ohne Differenz selbst gegeben ist und in dieser Differenzlosigkeit ein Selbstverhältnis (Selbst) und ein mögliches Verhältnis zu Ursachen des Leidens im Empfinden anzeigt. Zu leiden ist somit die Fähigkeit, bestimmte Differenzen in Differenzlosigkeit zur Empfindung zu bringen. Diese Fähigkeit des Leidens ist aber, so die These, nicht in der Ursache des Leidens enthalten.

Negativ ausgedrückt, wissen wir damit soviel, dass der konkrete Leidensanlass das Leiden nur kausal bestimmt, nicht aber als Gefühl in dessen Selbstpräsenz hervorbringt. Praktisch lässt sich dieses Wissen so nutzen, dass es keine so ausschließliche Verbindung zwischen Leidensursache und Leidensgrund gibt, wie die meisten Menschen denken. Es gibt immer auch jenen Grund des Leidens, der nicht dem hedonistischen Dualismus von Lust und Unlust gehorcht. Im Alltagsleben gibt es für uns ein hedonistische Spektrum, indem Lust und Unlust kategorisch voneinander getrennt sind. Niemals würde es uns in den Sinn kommen, aktiv nach Unlust zu streben, um darin die eigene Daseinsfreude zu steigern. Tatsächlich aber ist eine leichte Traurigkeit durchaus mit demselben guten Gründen anzustreben, wie die obligatorisch angestrebte Gelassenheit in jeder Lebenssituation, weil ein solcher Hauch von Traurigkeit auch ohne Musik als Selbstmächtigkeit empfunden werden kann. Dabei ist es entscheidend das „weil“ der Traurigkeit nicht zu setzen. Sobald man sagt „Ich bin traurig, weil  …“ wird der dominierende Empfindungscharakter des Leidens als Unlust und Schmerz festgeschrieben.

Es geht also letzthin darum, nicht reflexartig jegliches Leiden in sich abzuwehren und mit Ursachen auszustatten, sondern eine Annäherung zu versuchen, die im Falle der Traurigkeit darin besteht. Das Gefühl selbst ohne ein In-ein-Verhältnis-zu-einem-anderen-Setzen in sich zuzulassen. Ein solches reines Leiden, also eines ohne Ursachen, wird sich dann in seiner Unreinheit des Ineinander von Leiden und Daseinslust zeigen.

Lieber zu leiden als nicht zu sein, macht also im Kleinen Sinn, da eine leichte Traurigkeit ohne „weil“ die innere Lebendigkeit des Existenzgefühls deutlich steigert, ohne dass der Unlusteindruck dominieren würde. Es bleibt aber die Frage, wie man mit starkem Leiden umgehen kann. Hier würde die Verschiebung des Charakters vom Leiden als Unlust zum Leiden als Krafterfahrung von sich nicht funktionieren.

Doch, sagt Simone Weil, dies ist möglich. Wenn es einem gelingt, im (seelischen) Leiden keinen Zweck zu suchen, keinen Sinn und keine Ursachen, dann bleibt einem das Leiden als solches. Dieses wird zunächst mit allen seinen zerstörerischen Kräften Leiden bleiben, aber im unbedingten Vertrauen – nüchtern ausgedrückt in der durchgehaltenen Aufmerksamkeit auf das Leiden unter Absehung seiner Ursachen – wird sich der Charakter des Leidens wandeln. Vom reinen Leiden öffnet sich ein Weg zur Erfahrung von sich als Kraft als Daseinsfreude. Simone Weil hat für sich selbst Leiden als Herausforderung angesehen, darin bestehend, sich nicht selbst zu verraten. Man verrät sich selbst, so Weil, wenn man sich der bequemen Illusion hingibt, dass man leiden müsse, weil die Ursache X gegen einen sei. Tatsächlich aber findet sich der Grund des Leidens, also jenes, was das Leiden in seinem Sich-Gegebensein ermöglicht, nicht in äußeren Ursachen, sondern stets in sich selbst. Da dieser Grund jedoch keineswegs eine strikte Trennung von Leiden und Glück beinhaltet, kann man in Absehen von der Leidensursache zu etwas finden, was scheinbar unmöglich im leiden gegeben sein kann.

Was für uns Menschen des Alltags bleibt, ist aber nicht diese große Form des unbedingten Lebensvertrauens, sondern die konkrete Möglichkeit, leichte Formen des Leidens aus ihrer scheinbar evidenten Bindung an Ursachen zu befreien, um nach und nach das in ihnen zu entdecken, was über die reine Unlust hinausgeht. Dafür braucht es allerdings einen gewissen inneren Mut, um darin bestehen zu können.

Sebastian Knöpker
Existenzieller Hedonismus
Von der Suche nach Lust zum Streben nach Sein
364 Seiten, Kartoniert
Seele, Existenz und Leben, Band 9
€[D] 39,-
ISBN: 978-3-495-48329-9

                                  weiter mit     Atmosphäre, Aura, Stimmung


        

„Über das Leiden in der Welt ist daher von keiner Seite weiter eine Klage zu erheben: denn der Wille führt das große Trauer- und Lustspiel auf eigene Kosten auf, und ist auch sein eigener Zuschauer. Die Welt ist gerade eine solche, weil der Wille, dessen Erscheinung sie ist, ein solcher ist, weil er so will. Für die Leiden ist die Rechtfertigung die, dass der Wille auch auf diese Erscheinung sich selbst bejaht; und diese Bejahung ist gerechtfertigt und ausgeglichen dadurch, dass er die Leiden trägt.“  Schopenhauer Welt als Wille und Vorstellung I  (1977: § 60, S. 413)

           














                                                                                               > Startseite | existenzieller Hedonismus  |Durchflüsterung | egoistisches Leiden  | Atmosphäre, Aura, Stimmung  |Zusammenfassung <  
                                                                                                                                                                            >  Kontakt <  
                                                                                                                                                                              
© Sebastian Knöpker 2008