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„Ein Gefühl zu haben, drückt sich vor seinem Lust- oder Unlustcharakter durch das In-Etwas-Involviertsein aus. Ein negatives Gefühl kann es auf dieser Ebene nicht geben, da auch starkes Leiden Präsenz zur Folge hat. Erst die absolute Apathie, das Nicht-empfinden also, ist in diesem Sinne negativ, verstanden als Absenz jeglichen Seins im Sinne des Sich-Gegebenseins. Das Gegenteil von Präsenz (Sein) ist Absenz (Nichtsein), aber das Gegenteil von Präsenz ist nicht Leiden. Dies hat die praktische Folge, durchaus guten Grundes in bestimmten Fällen zu leiden, um die Leben-digkeit als Sein darin zu erleben.“ (Existenzieller Hedonismus (2009, 20)
„Dem erfüllten Streben nach Sein
ist das Positive bereits das, was es ist (positiv=gegeben), während dem Streben
nach Lust nur das Sein als Lust das Positive ist. Negativ gewendet ist das
relative Gegenteil der Lust die Unlust, aber das Gegenteil von der Posi-tivität
des Seins ist nicht das Leiden, sondern die Absenz, das Fehlen von Präsenz (von
Sich-Gegebensein). Die Differenzpaare „Lust – Unlust“ zu „Präsenz – Absenz“
kommen nun in manchen Fällen so zusammen, dass das Vermeiden von Absenz das
Realisieren von Unlust in Kauf nimmt; in der Negation des Luststrebens kann
sich also die Affirmation des Strebens nach Sein finden.“ (Existenzieller
Hedonismus (2009, 21) |
Was
ist
der existenzielle Hedonismus?
Als Hedonist strebt man nach Lust und vermeidet so gut wie möglich Unlust . Was der Hedonist dabei unter Lust versteht, ist auch kein Geheimnis. Gutes Essen und Trinken, angemessen übermäßige Trinkgelder verteilen, einmal aus Neugier in den Weltraum fliegen – das sind Formen der Lust, um die es dem Hedonisten geht. Wonach aber strebt der existenzielle Hedonist? Lebt er bloß eine Variante des normalen Luststrebens? Der Unterschied zum klassischen Lustsucher besteht darin, dass der existenzielle Hedonist sowohl nach Lust als auch nach Unlust strebt. Indem ich als Mensch Lust oder Unlust empfinde, bin ich mir selbst gegenwärtig, und indem ich mich über etwas freue oder ärgere, ist mir dieses Etwas gegenwärtig. Gefühle sind demnach nicht nur lustvoll oder schmerzhaft, sie ermöglichen dem Menschen erst überhaupt, zu existieren. Sie bringen mich als Menschen zugleich in Kontakt mit den Dingen wie zu mir selbst. Sich selbst zu empfinden ohne Lust oder Unlust ist unmöglich. Nur durch Gefühle gleich welchen Vorzeichens kann ich in etwas involviert sein. Dieses In-Etwas-involviert-sein ist von großer Bedeutung, da es mir nichts nutzt, dass Dinge als solche existieren. Erst indem ich in ein konkretes Etwas involviert bin, bin ich überhaupt erst wirklich. Anders ausgedrückt: mein Dasein ist nicht ohne Anstrengung „einfach so“ da, sondern wird erst durch ein In-die-Empfindung-Setzen hervorgebracht. Der existenzielle Hedonist strebt also nicht nur nach Lust, sondern nach Gefühlen überhaupt, um sein Dasein zu steigern. Ihm geht es um gelebte Daseinsintensität. Und in diesem Sinne sind wir alle existenzielle Hedonisten, weil wir nämlich nicht bedingungslos auf unser Leiden verzichten können, wie der Hedonist sich dieses vorstellt. Für ihn ist das Leiden das Schlechte an sich, das Gegenteil von der Lust, und daher strikt zu meiden. Wenn aber gilt, das jedes Gefühl dem Menschen Selbstpräsenz verschafft, so kann man auf Leiden nur dann verzichten, wenn man zugleich damit auf das Leben des eigenen Daseins verzichten kann. Ohne Leid und ohne Lust ist man in nichts mehr involviert und damit sich selbst nicht mehr präsent. Das Problem lässt sich also in folgende Frage bringen: soll man lieber Leiden als gar nicht zu sein? Oder hat man gar nicht die Wahl und muss durch das Leiden sein? Ein konkretes Beispiel hilft weiter: in Robert Musils „Törleß“ leidet ein zwölfjähriger Internatsschüler unter Heimweh. Er vermisst seine Eltern und leidet darunter. Tatsächlich aber, so stellt sich heraus, ist dieser Mangel an Nähe zu seinen Eltern nur die „Gelegenheitsursache“ für ein Leiden, welches seinen Sinn nicht darin hat, Verbundenheit mit seinen Eltern auszudrücken, sondern im Leiden selbst, nämlich als wollüstiges und egoistisches Leiden. Die Wollust des Leidens besteht in der außerordentlichen Tiefe des Gefühls, welches dem Jungen eine Selbstpräsenz ist, die ihm sonst nicht offen steht. Mehr noch, ist es nicht nur die Steigerung seines Daseins, sondern das Gefühl von Kraft und Macht in diesem Leiden. Es ist die Vitalität, die der Junge im Heimweh auszukosten weiß. Diese Lebendigkeit als Wert an sich verdrängt die zugleich gegebene Unlust. Es handelt sich trotz allem um ein Leiden, dessen Zentrum der Empfindung aber nicht mehr in diesem Leiden besteht, sondern im Selbstgenuss eines inneren Echos, welches stärker als die Unlust ist. Als das Heimweh beim Jungen schließlich schwindet, merkt der Junge, dass ihm etwas fehlt. Er ist also nicht erleichtert, dass seine Martern ein Ende gefunden haben, weil er ohne Leiden umso mehr an der Leere des Internatslebens zu leiden hat. Diesmal allerdings ohne die Süße der Unlust (Daseinsfreude). In dieser kurzen Episode findet sich die Bestimmung des existenziellen Hedonismus: Lust und Unlust haben über ihre hedonistischen Qualitäten hinaus die Eigenschaft, dem Menschen, der sie empfindet, überhaupt erst sein Dasein zu verschaffen. Sie sind es, die dem Mensch ein Sich-Gegebensein ermöglichen. Es ist keineswegs so, dass man zu seinem Dasein erst durch Teilnahme an Dingen in der Welt gelangt, die unabhängig vom Subjektiven existieren. Leiden hat also seinen Wert darin, dem Leidenden überhaupt erst sein Dasein zu versichern und mehr noch, ihm ein Kraftgefühl von sich zu vermitteln. Diese Daseinsfreude ist dabei nicht mit der Lust des Hedonisten zu verwechseln, weil sie auch im tiefsten Leiden gegeben sein kann, wie das Beispiel des kleinen Jungen zeigt. Damit ist die Grundthese des existenziellen Hedonismus deutlich geworden: Streben nach Sein etwas anderes als nach Lust. – aber es ist noch unklar, wonach in diesem Streben genau strebt wird. Der Hedonist kann sehr genau sagen, wonach er strebt. Das ist auch nötig, da man praktisch nicht nach Lust als solcher streben kann, sondern nur nach dieser oder jener Lust. Genau so verhält es sich mit dem Streben nach Sein: auch dieses gibt es nicht als Dasein ohne weitere Eigenschaften. Um was also geht es im Streben nach Sein?
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Musil im Original „Das Merkwürdige daran war, dass diese jähe, verzehrende Hinneigung zu seinen Eltern für ihn selbst etwas Neues und Befremdendes hatte. [...] Er hielt es für Heimweh, für Verlangen nach seinen Eltern. In Wirklichkeit war es aber etwas viel Unbestimmteres und Zusammengesetzteres. Denn der „Gegenstand dieser Sehnsucht“ war darin eigentlich gar nicht mehr enthalten. [...] Törless konnte sich damals beispielsweise nicht mehr das Bild seiner „lieben, lieben Eltern“ – dermaßen sprach er es meist vor sich hin – vor Augen zaubern. Versuchte er es, so kam an dessen Stelle der grenzenlose Schmerz in ihm empor, dessen Sehnsucht ihn züchtigte und ihn doch eigenwillig festhielt, weil ihre heißen Flammen ihn gleichzeitig schmerzten und entzückten. Der Gedanke an seine Eltern wurde ihm hierbei mehr und mehr zu einer bloßen Gelegenheitsursache, dieses egoistische Leiden in sich zu erzeugen, dass ihn in seinen wollüstigen Stolz einschloß [...].“ (Die Verwirrungen des Zöglings Törless, 1978:9) |