Wichtige Autoren zum Thema: Michel Henry (1922-2002), Philosoph und Romanautor, Begründer der sogenannten „Lebensphänomenologie“ (auch als materiale oder radikale Phänomenologie bezeichnet), lehrte als Professor für Philosophie in Montpellier, Hauptwerke: L’essence de la manifestation (1963) und Philosophie et phénoménologie du corps (1965). Verfasste unter anderem Werke zu den Themen Ästhetik (Voir l’invisible. Sur Kandinsky (1988), Religionsphilosophie („Ich bin die Wahrheit“ – für eine Philosophie des Christentums (1997) und über die Psychoanalyse (Généalogie de la psychanalyse (1985)).

                      

  







































                    

Wichtige Autoren zum Thema: Hermann Schmitz (geb. 1928), Professor em. der Universität Kiel. Sein Hauptwerk System der Philosophie erschien von 1964 bis 1980 in zehn Bänden.  

                       
     











































Zusammenfassung: existenzieller Hedonismus

Der gemäßigte Hedonist hat eine Vorliebe für das Erlebnis. Er bringt das Erleben in große Formen ein, so dass es planbar, verfügbar und zur Not aufschiebbar ist. Das große Erlebnis wird dabei mit dem Erlebnisgegenstand gleichgesetzt, so dass die Fassbarkeit etwa eines Kinobesuches auch die Fassbarkeit des Erlebens des Kinofilms sein soll.

Diese Gleichsetzung führt nicht sehr weit, da es ohne weiteres möglich ist, nach Paris zu einem Kurzurlaub zu fliegen, aber das Ergreifen des Erlebens des Paris-Wochenendes gehorcht nicht dem In-die-Hand-Bekommen eines Flugtickets und dem Buchen eines 5-Sterne-Hotels. Zu kritisieren ist also die krude Methode, seine Hand nur ausstrecken zu müssen, um nicht nur Dinge zu ergreifen, sondern damit zugleich auch das Erleben des ergriffenen Gegenstandes habhaft gemacht zu haben. Da das Lebendige keinen Henkel hat, um es habhaft zu machen, führt die Idee von der Verfügbarkeit des Erlebens durch das Verfügen über das Erlebnismittel oft zu einem Danebengreifen.

Wenn ein Mensch, auf Sex zu verzichten, nur noch im Keller seines Hauses zu wohnen und nur noch Brotrinden und Wasser zu sich zu nehmen, ohne diese Askese durch die Aussicht auf einen spirituellen Gewinn zu verknüpfen, dann sprechen wir diesem Menschen seinen gesunden Menschenverstand ab. Denn auf all diese Lustquellen zu verzichten, bedeutet nichts anderes, als auf sein Leben selbst zu verzichten.

Einen vergleichbaren Verzicht finden wir aber darin, dass die meisten Menschen sich so sehr auf die großen, fassbaren Erlebnisse konzentrieren, dass Erlebnisformen wie die vorgestellten Stimmen und Stimmungen ganz aus dem Horizont möglichen Erlebens herausfallen. Die Vielfalt der Erlebnisformen, so lässt sich sagen, ist auf eine Grundform zurechtgestutzt, so dass die Selbstbeschränkung des Lebens ähnlich drastisch ausfällt wie beim Menschen, der bei Brot und Wasser im Keller lebt.

Durchflüstertwerden und Durchstimmtsein, so viel ist klar geworden, bilden Grundformen der Existenz, die nie im Leben fehlen. Kultiviert man sie nicht, so vernachlässigt man das eigentliche Zentrum seines Daseins. Zwar macht es nicht viel aus, ein einzelnes hintergründiges Durchstimmtsein bloß hinzunehmen, aber letzthin ist es die Summe der Stimmungen und Stimmen, die zählt.

Um eine Summe der „Stimmen“ zu bilden, ist es notwendig, über das Grundbeispiel des Moralisierens hinaus weitere „Stimmen“ zu präsentieren, weil man nicht beständig moralisiert. Archetyp der Stimme ist das Gewissen. In mir spricht es, ohne dass ich Autorität und Gewicht der Stimme effektiv verneinen könnte. Dabei hat die Stimme des Gewissens keinerlei Amt und Mandat, und doch geht sie mit einer erdrückenden Präsenz einher. Der Bann, den das Gewissen ausübt, ist aber in seiner Effektivität von einer Realität außerhalb von ihm her zu verstehen. Seine Wirklichkeit liegt allein in seinem Vollzug als Denken bzw. Sprechen.

Das moralische Gewissen ist für den Menschen des Alltags keine bedeutsame Stimme. Aber die Grundform des Gewissen, nämlich das „Es spricht in mir“, also der unbestechliche Kommentar, der sich ungefragt in einem manifestiert, bestimmt den Alltag dagegen sehr wohl hintergründig mit.  Diese Kommentarstimmen melden sich in je typischen Situation etwas als „Das musste ja so kommen“ oder „Das geschieht gerade recht“. Aus schierem Mangel an eigenen Stimmen neigen viele Menschen dazu, Fremdstimmen des „es spricht in mir“ zu übernehmen. Diese zeigen dann nicht selten eine trojanische Wirkung, indem sie für einen auftreten, obwohl sie in fremden Namen sprechen.

Ein schlagendes Beispiel für eine solche Fremdstimme findet sich in Peter Kurzecks Roman „Ein Kirschkern im März“ (2004). Das alter ego Kurzecks möchte in einer Episode mit dem Zug in ein Dorf aufs Land fahren. Am Bahnhof fragt er nach einer Bahnverbindung, worauf der Mann am Schalter erklärt, dieses Dorf habe keinen eigenen Bahnhof. Er empfiehlt die nächstgelegene Station und setzt ein fragendes Gesicht auf, ob er eine Fahrkarte nach dorthin wolle. Diese stumme Aufforderung des Bahnbeamten löst bei Kurzeck eine Stimme bürgerlichen Gewissens aus: „Warum holt sie denn keiner ab? Was stimmt denn in ihrem Leben nicht?“ (2004:29) Er kann sich für einen kurzen Moment nicht gegen den Sog des in ihm Sprechenden wehren. Kurz darauf ist der Zauber des „Es spricht“ jedoch nicht nur vorbei, sondern erscheint als durch und durch unwirklich. Da sich die kurze Bezauberung im Moment stetig wiederholt, sich eine Abfolge von Augenblick zu Augenblick abspielt, gewinnen diese Fremdstimmen eine größere Bedeutung, so absurd sie im einzelnen auch erscheinen mögen.

Nun stellt sich in Bezug auf das Durchstimmtsein dieselbe Frage wie bei den Stimmen. Was macht das Durchstimmtsein im Ganzen aus? Was das Selbst genannt wird, bestimmt sich aus einer Summe von Eigenschaften, Vorlieben, Abneigungen etc. Ist man z.B. boshaft veranlagt, so zeigt sich diese Eigenschaft in actu nur sporadisch, aber im Eindruck von sich selbst ist diese Eigenschaft stets präsent. Mit anderen Worten gibt es eine Differenz zwischen dem Aktuellen und dem Pozenziellen, die im Gefühl, man selbst zu sein, aufgehoben wird. In diesem Selbstgefühl ist man sich in seinen Eigenschaften stets gegeben.

Einfaches Beispiel hierfür ist jener Jean-Paul Sartre der 1930er Jahre – gerade noch ausgesprochen unerfolgreich – der nach seiner Annahme bei Gallimard als „Autor“ durch die Straßen geht, ohne dass er darin als Autor tätig ist, von anderen als Autor gesehen wird, an seinen Autorenstatus denkt usw. Die Eigenschaft „erfolgreicher Autor“ stellt also eine abwesende Gegenwärtigkeit dar.

Dieses Durchdrungensein vom Status des Autoren wird wesentlich durch einen Horizont von zukünftigen Möglichkeiten gebildet. Bezüglich der Zeit geht es um die leere Präsenz der fernsten Zukunft und der fernsten Vergangenheit wie auch um alles, was zwischen diesen beiden Polen liegt, also auch die Präsenz des gerade Vergangenen oder die Präsenz des unmittelbar bevorstehenden in der „leeren“ Vorwegnahme.   

Dabei können Zukunft und Vergangenheit im Modus des abwesend Gegenwärtigen eine Einheit eingehen, welche das Selbst als eine zentrale Eigenschaft ausmacht. Der für seine Ansprüche an das Leben bisher erfolglose, dreißigjährige Jean-Paul Sartre etwa zeigt eine solche Synthese. Ihn durchstimmt ein allgemeiner „leerer“ Horizont des Gescheitertseins als Gymnasiallehrer, dessen Erfolge als Absolvent der École normale supérieure sich in der von ihm vollzogenen vorweggenommenen Zukunft als gescheiterte Verheißung auf eine Karriere als Philosoph manifestieren. Die Möglichkeit, für den Rest seiner Tage Philosophie unterrichten zu müssen, zeigt sich als real Gegebenes in der Stimmung des „Ich habe es nicht geschafft“.

Handfeste Gegenstände, Gegenstandsensembles, Raumausschnitte, zukünftige Möglichkeiten, Personen, Entitäten, die eigene Vergangenheit, Überzeugungen, Besitz, abstrakte Ideen etc. überschneiden sich also in ihrem leeren Gegebensein. So wie der Gegenstand Haus als Besitz appräsentiert ist, so empfindet sich der Minderwertige in einer seiner Eigenschaften gemäß einer bestimmten Idee von Minderwertigkeit und so ist diese Minderwertigkeit auch notwendig ein Entwurf in eine düstere Zukunft.

Was letzthin zählt, ist das Verständnis für die Herkunft des eigenen Lebens. Es ist nicht so, das sich das Dasein ohne Anstrengung manifestiert. Es ist nicht „einfach so“ da. Es stammt aber auch nicht aus der Teilhabe an der Welt der Dinge. Die meisten Menschen leben in der Idee, dass sie nur in der Teinahme am Horizont der Welt, ihre eigene Sphäre des Scheins überwinden können. Mangelt es an etwas, so die Idee, dann gibt es dieses Etwas in der Welt – als Ding, als Person, als Idee – und ich muss nur dafür sorgen, dass ich es ergreifen kann. Was dabei übersehen wird, ist der völlige Mangel der Dinge und Konstellationen in der Welt am Leben. Es ist unzweifelhaft, dass man ohne Essen, also ohne ein Gut, welches nur in der Welt gegeben sein kann, nicht existieren kann. Umgekehrt gilt aber auch, dass im Essen selbst kein Leben (ontologisch: kein Sich-Gegebensein) enthalten ist. Die Tatsache, dass ich als Mensch esse, ist nicht mit der Tatsache zu verwechseln, mich im Vollzug des Essens zu manifestieren. Die Selbstpräsenz, sprich das Dasein, kommt demzufolge nicht aus einem Außen, wenn es auch stimmt, dass die Nährstoffe des Essens aus dem Welthorizont stammen.

Die These, Leben stamme nicht aus der Welt, sondern aus einem selbst, lässt sich als Theorie kritisieren. Der theoretische Gewinn ist mit anderen Worten durchaus diskutabel. Was aber im Praktischen bleibt, ist eine erhebliche Erweiterung des Horizontes an Ergreifbaren in der praktischen Anwendung. Ergreifbar wird nämlich das scheinbar Leere, das scheinbar nicht Existierende, also die Stimmungen (Haus, Eigenschaften wie die Boshaftigkeit, das Unvergangene etc), und die Stimmen (Moralisieren, „Es spricht in mir“ – Stimmen und das Leiden als Selbstmächtigkeit). Der existenzielle Hedonismus stellt also eine praktische Form der Selbstermächtigung dar.

                         
Sebastian Knöpker
Existenzieller Hedonismus
Von der Suche nach Lust zum Streben nach Sein
364 Seiten, Kartoniert
Seele, Existenz und Leben, Band 9
€[D] 39,-
ISBN: 978-3-495-48329-9

               

Wichtige Autoren zum Thema: Der Lebensphänomenologe Rolf Kühn (geb. 1944), Übersetzer von Henrys Werken ins Deutsche, verfasste mehrere Einführungen in die Lebensphänomenologie, so unter anderem Innere Gewißheit und lebendiges Selbst (2005),  publizierte über Henrys Werk (unter anderem Leiblichkeit als Lebendigkeit (1992), über philosophiehistorische Aspekte der Lebensphänomenologie (wie in Individuationsprinzip als Sein und Leben (2006), sowie über ethische, religionsphilosophische (unter anderem Geburt in Gott: 2003)) und systematische Fragestellungen im Bereich der Lebensphänomenologie.     

                    




















































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